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Mein Kind geht in eine freie demokratische Schule - Lernen in Alternativschulen

Snowqueens Töchter auf dem Weg zur Schule
Schulweg
Wer uns auf Instagram folgt, hat schon mitbekommen, dass meine beiden großen Töchter auf eine Freie Demokratische Schule gehen. Ich wurde gebeten, darüber einen Artikel zu schreiben, um zu erzählen, wie das so ist. Danielle hat schon vor einiger Zeit erzählt, wie es ihrer Tochter auf einer Montessori-Schule geht. Eine Freie Demokratische Schule ist noch einen Schritt weiter raus aus dem klassischen Schulsystem.

Was ist eine Freie Schule?


Freie Demokratische Schulen sind staatlich anerkannte Ersatzschulen, in denen Kinder so frei wie möglich das lernen können, was sie interessiert. Sie müssen zwar am Ende ihrer Schulzeit die gleichen Prüfungen ablegen, wie Schüler/innen in klassischen Schulen, aber der Weg zum Wissen ist ein bisschen anders. Natürlich werden Kurse von Lehrerinnen und Lehrern angeboten, doch die Kinder bestimmen selbst, ob und wann sie diese besuchen wollen. Somit lernen nicht unbedingt Kinder gleichen Alters zusammen, sondern eher jene, die sich gerade für das selbe Gebiet interessieren. Manchmal kommen auch Kinder gleichen Niveaus zusammen, beispielsweise, wenn eine Gruppe von zehn Kindern etwas über Addition lernen will, aber für die einen noch 5+6 schwierig ist, während die anderen schon locker im Millionenbereich arbeiten. Dann würden sich diese zehn Kinder in zwei oder drei Gruppen aufteilen.

Freie Schulen sind normalerweise basisdemokratisch, d. h. die Entscheidungen werden von allen gemeinsam getroffen. In der Schulversammlung hat jedes Mitglied der Schule, egal welchen Alters, eine Stimme. Abgestimmt wird z. B. darüber, ob ein neuer Lehrer eingestellt wird, welche Schulregeln es geben soll und welche Lerninhalte bei den nächsten Projekten besprochen werden sollen. Wer jetzt denkt, wenn Kinder "an der Macht" sind, gibt es nur noch Süßigkeiten und Computerspiele, irrt. In der Schule meiner Kinder gibt es regelmäßig Anträge, Handys für die älteren Schüler zu erlauben, und doch werden sie nie von allen Schülerinnen und Schülern unterstützt. Vielen ist klar, dass das das Zusammenleben an unserer Schule verändern würde, deshalb stimmen die meisten dagegen. Das heißt aber auch, dass Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern (!) keine Handys an der Schule benutzen dürfen.

Da jede Freie Demokratische Schule anders ist, kann ich hier nur über die Erfahrungen an unserer Schule sprechen.

Wie sieht der Tag eines Erstklässlers aus?


Einhörner aus Knete
Kneteinhörner a la Fräulein Ordnung
Unsere Schule beginnt jeden Morgen um 9.15 Uhr mit einem Morgenkreis, in dem besprochen wird, was an diesem Tag erlebt werden kann. Es werden die Kurse genannt, die besucht werden können, was es zum Mittagessen gibt oder ob es außergewöhnliche Besuche (Probekinder zum Beispiel) gibt. Dieser Morgenkreis wird immer von den Kindern selbst gehalten. Die Lehrer_innen sitzen dabei und melden sich genauso zu Wort, wie die Kinder. Nach dem Morgenkreis gibt es eine Freiarbeitsphase, in der die Kinder das machen können, was sie wollen. Einige wählen sich tatsächlich schulische Aufgaben. Die meisten gehen aber erst einmal spielen oder zur Vorlesestunde, die eine Lehrerin anbietet. Viele setzen sich auch zum Picknick des Frühstücks auf den Boden des Flurs und quatschen dabei eine Runde. Fräulein Chaos gehört meist zu den Frühstückenden, während Fräulein Ordnung ganz sicher irgendwo mit ein paar Freundinnen und kleinen Einhornfiguren sitzt und spielt. Etwa um 10 Uhr beginnt der Unterricht. Die Lehrer_innen gehen durch den Flur, die Räume und auf den Hof und sagen allen Kindern Bescheid, dass sie nun zum Unterricht kommen können. Haben die Kinder keine Lust, etwa, weil sie gerade so schön im Spiel sind, sagen sie wiederum den Lehrern, dass sie heute nicht kommen. Das ist völlig okay - eine freie Schule ist genau dafür da. Allerdings ist es an unserer Schule so, dass sie eine bestimmte Anzahl von Fehlstunden in einem Fach nicht überschreiten sollten. Passiert das doch, fehlen sie also in der Mehrzahl der Mathestunden, würde ein Gespräch mit dem Vertrauenslehrer folgen, ob sie aus dem Kurs aussteigen wollen. In einem Kurs eingeschrieben zu sein, aber gar nicht zu kommen, ist demnach nicht möglich.

Am Vormittag gibt es für Erstklässler auch nur eine einzige Unterrichtsstunde (die allerdings 60 Minuten lang ist): Mathe, Deutsch oder Englisch. Ich fand das am Anfang arg wenig, weil ich als Lehrerin aus der klassischen Schule sehr viel mehr Unterricht gewöhnt bin. Erstklässler haben dort etwa vier bis fünf Stunden a 45 Minuten am Tag: Mathe, Deutsch, Sachkunde, Sport, Kunst oder Musik. Dazu kommt, dass es an unserer Freien Schule jedes Fach nur ein Mal pro Woche angeboten wird, beispielsweise montags Deutsch, dienstags Englisch, mittwochs Projekt, donnerstags Mathe, freitags nichts. Für die Zweitklässler gibt es etwas mehr, nämlich 2 Mal pro Woche Deutsch und Mathe, und in den weiteren Klassen erhöht sich die Stundenanzahl pro Tag auch sukzessive. Nachdem nun Fräulein Chaos aber schon zwei Jahre auf die Freie Schule geht, kann ich bestätigen, dass es nichts ausmacht, dass es an unserer Schule nur eine Stunde "normalen" Unterricht gibt. Sie ist im Lesen- und Schreiben auf dem Stand einer normalen Zweitklässlerin, in Mathe ist sie sogar auf dem Stand einer Dritt- bzw. Viertklässlerin.

selbst gebastelte Puppenstube
selbst gebastelte Puppenstube

Nach dem Mittagessen können die Kinder noch einmal Spielen, Freiarbeit, oder einen der Nachmittagskurse wählen. Im Moment werden Aikido, Trommeln, Notenlesen und Schreibschrift angeboten. Wir haben auch einen Kreativraum, der jederzeit geöffnet ist. Dort kann geknetet werden, was von den Kindern auch exzessiv angenommen wird. Es entstehen die coolsten Knetobjekte.
Außerdem ist es möglich, mit Holz und Pappe zu arbeiten - entweder mit Heißklebepistole, oder mit Hammer und Nägeln. Drei Nähmaschinen und eine Menge Stoff stehen auch bereit. Eine Lehrerin ist speziell für diesen Raum zuständig und steht bereit, um zu helfen, wenn die Kinder das wollen. Dienstags und donnerstags öffnet diese Lehrerin auch die Töpferwerkstatt, die Fräulein Chaos sehr liebt. Ein Klavier steht ebenfalls dort und man sieht oft ein oder zwei Kinder daran sitzen und klimpern. Ich bin überrascht, wie gut das klappt - irgendwie bringen sich die Kinder gegenseitig das Klavierspielen bei. Meist sind es ältere Schüler_innen, die zuhause mithilfe von Youtube-Tutorials Lieder lernen und geben das dann in der Schule an die Kleineren weiter. Die allermeisten Erstklässler spielen aber am Nachmittag - sie sind oft unten auf dem Hof im Schlamm zu finden.

Alle Kinder müssen ab 15.30 Uhr beim Aufräumen helfen - das ist eins der wenigen Dinge, bei dem die Kinder nicht frei entscheiden können. Um 16 Uhr ist der Schultag zu Ende und die Kinder gehen nach Hause.



Mittwochs ist an unserer Schule der Projekttag. Es findet kein "normaler" Unterricht statt, sondern die Kinder schreiben sich in Projekte ein, die über mehrere Wochen gehen. Was das für Projekte sind, entscheiden meist die Schülerinnen und Schüler. So gab es schon Projekte über Hunde, über Ägypten, über die Blindenschrift, übers Sprayen und Graffiti und so weiter. Auch Waldspaziergänge, Sport im Park, Schlittschuhlaufen oder Schwimmen werden häufig gewählt. Was immer die Kinder interessiert, es wird irgendwann angeboten. Demnächst zum Beispiel wird es ein Projekt zur Seifenherstellung geben, welches Fräulein Chaos angeleiert hat, da sie zuhause so gerne Seife herstellt. Diese Projekte sind in etwa das, was an der klassischen Schule der Sachunterricht ist. Viele der Erstklässler nehmen aber noch nicht an den Projekten teil, sie spielen lieber, so dass der Mittwoch für sie komplett aus spielen besteht. Zwei Mal im Schuljahr gibt es eine ganze Projektwoche zu einem bestimmten Thema. Auch daran können die Kinder teilnehmen, oder eben nicht - ganz wie sie wollen.

Dürfen die Kinder wirklich nur spielen? Was passiert, wenn sich jemand wirklich immer nur für´s Spielen entscheidet? 


Ja, die Kinder dürften, wenn sie wollten, wirklich nur spielen. Es gibt Schüler, die erst einmal keine Unterrichtsangebote annehmen. Die "nur" spielen. Das macht aber nichts, denn auch über´s Spielen lernen sie. Es gibt zum Beispiel einen Jungen in der vierten Klasse an der Schule meiner Töchter, der keinen einzigen Lese- und Schreibkurs gewählt hat. Er hat immer nur mit Yu Gi Oh!-Karten hantiert, ist Bäume und Türen hochgeklettert oder hat Fußball mit den anderen gespielt. Und trotzdem hat er Lesen und Schreiben gelernt. Ohne Kurs. Nebenbei. Es ist einfach passiert, weil er wissen wollte, was auf seinen Karten steht. Vielleicht liest und schreibt er nicht unbedingt auf dem Niveau eines normalen Viertklässlers, aber das macht nichts, denn es ist allen klar, dass das irgendwann kommen wird. Niemand macht sich Sorgen um ihn, niemand drängt ihn. Es sind schon viel zu viele Schülerinnen und Schüler erfolgreich durch unsere Schule gegangen, als dass irgendwer noch Angst hätte, dass dieses "Konzept" nicht funktioniert. In unserer Schule haben die Kinder von der 1. bis zur 10. Klasse Zeit, zu lernen - dass ein Großteil davon verspielt wird, macht überhaupt nichts aus. Kinder wollen lernen - sie lernen gern. Auch die Malfolgen oder Vokabeln.
  barfuß Spielen auf dem Hof mit Kreide und Schlamm
barfuß Spielen auf dem Hof mit Kreide und Schlamm

Natürlich bleiben Kinder, die sich jeglichem Lernangebot verweigern, nicht unbemerkt. Jedes Kind hat einen Vertrauenslehrer, der es im Laufe des Jahres beobachtet und ggf. auch Gespräche anberaumt, sollte es irgendwie problematisch werden. Die Kinder sind also nicht sich selbst überlassen, aber sie sind selbstbestimmt. Und trotz des "Im-Auge-Behaltens" durch den Vertrauenslehrer bleibt es immer bei dem Grundsatz: Niemand wird zum Lernen gezwungen.

Ich habe mich lange und intensiv mit den Schülerinnen und Schülern der achten, neunten und zehnten Klassen an der Freien Schule unterhalten. Ich habe gefragt, was sie mit Fächern machen, die sie doof und langweilig finden. Ob sie die die ganzen zehn Jahre dann einfach ignorieren. Die Antwort ist nein. Denn natürlich kann man ein Fach oder ein Gebiet doof finden und nichts darüber wissen wollen, aber wenn man sich dem Abschluss nähert und in der 10. Klasse den MSA bestehen möchte, muss man sich automatisch mit Dingen auseinandersetzen, die man vorher gemieden hat. Das heißt, die Vierzehn- bis Sechzehnjährigen belegen freiwillig Fächer und ziehen diese durch, weil sie ein Ziel vor den Augen haben. Dabei ist es durchaus vorgekommen, dass jemand im letzten Jahr noch seine Liebe zu einem Fach entdeckt hat, das er vorher komplett links liegen gelassen hatte. Oft lernen die Schülerinnen und Schüler den Stoff aber auch nur für die Prüfung und nicht fürs Leben, aber mei, das machen die Kinder an den normalen Schulen ja auch, nicht?

Auch Fräulein Chaos und Fräulein Ordnung spielen sehr viel. Fräulein Chaos habe ich in den ersten Wochen der ersten Klasse nachmittags beim Abholen fast immer bei den Brettspielen gefunden. Immer saß entweder ein Lehrer oder ein oder zwei ältere Schüler/innen bei ihr und spielten mit ihr. Sie mochte gern Monopoly für Kinder, ein Taschengeldspiel und vor allem Die Siedler von Catan. Ihre kleinen Mitschüler saßen oft daneben und tauschten Pokemon- oder Yu Gi Oh!-Karten. Dieses Spielen - und auch das auf dem Hof, oder das Kneten etc.-, ist wichtiger Bestandteil des Lernprozesses an einer Freien Schule. Denn nehmen wir mal das Monopoly-Spiel zum Beispiel. Fräulein Chaos musste die Regeln kennen lernen und sich daran halten. Sie lernte abzuwarten und es auszuhalten, wenn sie verlor. Sie lernte, sich mit anderen Kindern auf spezielle Regeln zu einigen, stärkte also ihre Sozialkompetenz. Sie lernte, mit Geld zu rechnen. Eindrucksvoll konnte ich den Wert dieses Lernens an Weihnachten bei uns zuhause erkennen. Mein Bruder spielte mit Fräulein Chaos Monopoly, er würfelte sich auf eine ihrer Straßen und sollte deshalb 5 Spielgeld-Euro Strafe an sie zahlen. Er hatte aber nur noch einen 3-Euro und einen 4-Euro-Schein. Ich sah ihm an, dass er überlegte, wie er ihr am besten klar machte, wieviel Rückgeld sie ihm geben sollte, doch während er noch zögerte, sagte Fräulein Chaos ohne großes Nachdenken: "Gib mir deine beiden Scheine, ich gebe dir einen 2er zurück." Sie hatte innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde 3+4=7 und 7-5=2 gerechnet und das zu einem Zeitpunkt im Schuljahr, an dem in einer normalen Grundschule die Kinder noch damit beschäftigt sind, die Zahlen "kennenzulernen". Mit großen Augen drehte sich mein Bruder zu mir um. Ich zuckte die Schultern und sagte nur, "Freie Schule, Mann, freie Schule."

Auch Die Siedler von Catan hinterließen Eindruck. Bei diesem Spiel würfelt man mit 2 Würfeln. Würfelt man z.B. damit eine 5, und hat an dem Feld mit der Nummer 5 eine Straße gebaut, erhält man Rohstoffe, um seine Straßen und Städte noch mehr auszubauen. Es ist also wichtig, möglichst klug an die Felder anzulegen. Eines Tages kam Fräulein Chaos zu mir und fragte, warum die Felder mit der Nummer 6 und 8 eigentlich so oft gewürfelt werden würden, die mit der 2 und der 12 aber fast gar nicht? Wir setzten uns also gemeinsam hin und würfelten mit 2 Würfeln und stellten fest, dass eine 6 sowohl mit 1 und 5, als auch mit 2 und 4 und mit 3 und 3 gewürfelt werden kann, eine 12 aber nur mit einer 6 und einer 6. Dementsprechend war also die Wahrscheinlichkeit viel höher, eine 6 oder 8 zu würfeln (Die 7 hat in dem Spiel eine andere Bedeutung). Sie hatte also - weil es sie interessierte - die Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung entdeckt!

Was passiert, wenn Fräulein Chaos oder Fräulein Ordnung keine Lernangebote annehmen?


Treppenrechnen
Mathe: sehr beliebt von Anfang an
In der ersten Klasse war Fräulein Chaos sehr motiviert (wie alle Lernanfänger meiner Erfahrung nach) und belegte den Lesen-und-Schreiben-Kurs, den Mathe-Kurs und den Englisch-Kurs. Mathe fand sie echt super, Englisch ganz ok und Deutsch fand sie grauenvoll. Sie hasste es, jeden Buchstaben immer wieder in Reihen schreiben zu müssen. Das Lesen lernen fiel ihr schwer. Im April, als sie beim SCH angelangt waren, entschied sie sich, aus dem Kurs auszusteigen.  Ui... das ließ mich geradewegs in eine Glaubenskrise schlittern. Ich kämpfte sehr mit meinen Emotionen. Musste das Kind nicht lernen, auch mal was durchzuhalten, was sie langweilig empfand? Würde sie nie Disziplin und Beharrlichkeit lernen, wenn sie immer die Chance hatte, den leichtesten Weg zu nehmen? All meine Ängste kamen hoch. Ich selbst hatte in meiner ersten Klasse in der DDR nicht Lesen und Schreiben gelernt. Ich hatte mich durchgeschummelt, weil ich bei meiner Nachbarin abschrieb und Texte auswendig vortragen konnte. Erst in der zweiten Klasse bemerkte meine Klassenlehrerin, dass ich das Zusammenziehen der Buchstaben noch nicht verstanden hatte. Ein paar grausige Einzelübungsstunden folgten, in denen ich weinend und verzweifelt schluchzend versuchte, zu verstehen, was zum Teufel Mo-ni bedeuten sollte. (Ein Name, es war ein verdammter Name!)

Stolze Fräulein Chaos mit abgeschlossenem Deutschkurs
Doch zurück zu meiner Tochter. Ich versuchte, meine Ängste nicht Überhand nehmen zu lassen, und ließ es zu, dass Fräulein Chaos aus dem Kurs ausschied. Gut, ich hätte eh nichts dagegen machen können. Also spielte sie ab da in der Zeit, in der die anderen Lesen und Schreiben lernten, bis zum Schuljahresende. Am Anfang der zweiten Klasse belegte sie wieder den Deutsch-Kurs. Wieder fand sie es langweilig, Buchstaben aufzureihen. Wieder klappte es nur mäßig mit dem Lesen. Wieder hätte sie aufgeben können, denn niemand hätte sie daran gehindert. Doch diesmal wollte sie unbedingt diesen Kurs abschließen. Sie biss sich durch, obwohl sie es doof fand. Sie blieb dran, aus freiem Willen. Und da war sie, die Selbstdisziplin und Beharrlichkeit, um die ich mich gesorgt hatte. Sie war einfach da, weil sie es selbst wollte. Mittlerweile haben wir April und der Kurs geht natürlich noch bis zum Schuljahresende weiter, aber Fräulein Chaos hat ihn schon abgeschlossen mit einer selbstgebastelten Medaille der Lehrerin, über die sie sich riesig freute. Sie sitzt jetzt abends oft an ihrem Laptop, und tippt eine selbst ausgedachte Geschichte ein, denn sie möchte jetzt Autorin werden. Die Sätze sind nicht fehlerfrei, aber da ich Lehrerin bin, kann ich ganz gut einschätzen, dass sie sich auf einem völlig durchschnittlichen Niveau für eine Zweitklässlerin befindet. Wohlgemerkt, obwohl sie diese Pause hatte und sowieso nur eine Stunde Deutsch pro Woche hat.

plötzliche Schreiblust: Jungautorin Fräulein Chaos
Auch die Projekte, die mittwochs  in dem Schuljahr angeboten wurden, als Fräulein Chaos in der ersten Klasse war, beachtete sie kaum. Ich glaube, sie hat insgesamt an drei Projekten mitgewirkt: Ägypten, Hunde, Brettspiele. Das bedeutet, sie hat nicht besonders viel Wissen aufgenommen, welches normalerweise im Sachunterricht vermittelt wird. Das machte mir natürlich auch Sorgen. Denn dieser Projektunterricht schien irgendwie so gar nicht ihr Ding zu sein. Anders als beim Lesenlernen dachte ich, dass sie an diesen Kursen womöglich nie teilnehmen würde. Als sie noch im Kindergarten war, hatte sie alles Mögliche interessiert. Wir haben Schmetterlinge aus Raupen gezüchtet, beobachtet, wie sich Marienkäfer aus Larven entwickeln und Weinbergschnecken beim Wachsen begleitet. Wir haben die Entwicklung der Blätter, Blüten und Früchte Kastanie vor unserem Haus im Laufe des Jahres beobachtet und dokumentiert und im Herbst aus den Kastanien Waschmittel hergestellt. Doch mit dem Moment ihrer Einschulung hörte das Interesse plötzlich schlagartig auf. Nichts wollte sie wissen. Nichts wollte sie erforschen. Nichts sollte ich ihr erklären.

Seit dem zweiten Schuljahr aber ist das anders. Nun hat sie ihre Lust auf das Forschen wiederentdeckt, und nimmt eifrig an den Projekten teil. Sie war an der Uni, um zu lernen, wie man aus Essensresten aus dem Kühlschrank leckere Mahle kocht, um keine Nahrung zu verschwenden. Sie hat sich Verkleidungen, Plüschtiere und Kopfkissen genäht. Sie hat einen Kalender mit den englischen Monaten gebastelt. Sie war im Museum, und hat sich Dinosaurierknochen angeguckt. Sie hat Roboter gebaut und einfache Befehle für sie programmiert. An den Rest der Projekte erinnere ich mich nicht, aber sie hatte jede Woche gut zu tun.

statt Mathe und Deutsch: Fräulein Ordnung bastelt viel
Aus diesem Grund macht es mir auch keine Sorgen, dass ihre Schwester Fräulein Ordnung, die ja jetzt in der ersten Klasse ist, ebenfalls Kurse abgewählt hat und nicht an Projekten teilnimmt. Wenn ich das richtig verstanden habe, belegt sie gerade nur noch Schreibschrift und Notenlesen, obwohl sie am Anfang des Schuljahres ihren Tagesplan unheimlich voll mit allen möglichen Kursen gepackt hatte. Mit Mathe hatte sie gar nicht erst angefangen - diese Nische ist fest von ihrer Schwester besetzt - aber ansonsten hatte sie wirklich jedes Angebot angenommen, das die Lehrer gemacht hatten. Irgendwann stellte sie fest, dass ihr das zu viel wurde, und so ließ sie einen Kurs nach dem anderen fallen, bis sie nun einen Stundenplan für sich gefunden hat, der sie nicht stresst. Witzigerweise erinnert mich das sehr an mich selbst, als ich das erste Semester an der Uni war. Ich hatte mir auch einen Stundenplan gebastelt, der die Zeit von morgen bis abends völlig mit Kursen zuballerte, weil ich möglichst schnell möglichst viel lernen wollte. Irgendwann bemerkte ich, dass das Irrsinn war und mir der schöne Teil des Lebens abhanden kam. Also dünnte ich meine Kurse so weit aus, dass eine gute Work-Life-Balance hergestellt war. So kam ich gut und ungestresst durchs Studium. Und nichts anderes macht meine Tochter gerade - nur halt 13 Jahre eher.

Was, wenn ein Kind mehr oder schneller lernt, als andere? Oder wenn es langsamer lernt?


Es gibt immer wieder Kinder, die schon gut lesen können, wenn sie an die Freie Schule kommen, oder die ein Talent für ein bestimmtes Fach zeigen und schneller lernen, als andere. Das ist an einer Freien Schule kein Problem. Die Materialien werden dann einfach angepasst. Als z. B. klar wurde, dass Fräulein Chaos damit unterfordert war, nur die Ziffern und Zahlen kennenzulernen, also die 5 zu schreiben und auf dem Blatt alles anzukreuzen, was fünf Mal vorhanden war, prüfte ihr Mathelehrer eine ganze Weile systematisch, auf welchem Niveau sie eigentlich stand. Er ging dabei sehr gründlich vor, was ich gut finde, denn so bekam er heraus, dass sie die Additions- und Subtraktionsaufgaben nicht einfach nur mechanisch richtig lösen könnte, sondern tatsächlich den Sinn dahinter verstanden hatte. Sie hatte ein grundsolides Verständnis von Mengen und konnte sich deshalb Lösungen herleiten, statt mit den Fingern abzuzählen. Deshalb bekam sie zunächst schwierigere Aufgaben, die sie zusammen im Unterricht mit ihren Mitschülern bearbeitete und durfte dann sogar in den Kurs der Zweitklässler. In der zweiten Klasse nahm sie wenig überraschend dann am Unterricht der Dritt-und Viertklässler teil. Da sie aber ihren ursprünglichen Mathelehrer so liebte, entschied sie sich nach ein paar Wochen, zusätzlich zum höhreren Matheunterricht auch noch am Unterricht der zweiten Klasse teilzunehmen. Ihr Mathelehrer nahm sie gerne auf und gibt ihr einfach schwierigere Aufgaben. 

Fräulein Ordnung dagegen ist so genau bei ihrer Ausführung jeglicher Aufgaben, dass sie bspw. im Schreiblehrergang zurück hinkte. Es lag nicht daran, dass sie es motorisch nicht besser hinbekam und auch nicht daran, dass sie "faul" wäre, sondern schlicht an ihrem Perfektionismus. Deshalb entschied die Lehrerin, dass sie Buchstaben und Wörter nicht 5x hintereinander schreiben muss, sondern eben nur 2x oder 3x. Somit wurde der Druck, den sie sich selbst machte, weil sie augenscheinlich nicht hinterherkam, genommen und sie hatte wieder Freude daran, alles haargenau und schön aufzuschreiben.

So sollte es eigentlich auch an normalen Schulen sein und ich weiß, dass viele Lehrerinnen und Lehrer das auch schaffen, insofern ist das hier vielleicht kein expliziter Punkt, der nur die Freie Schule betrifft. Ich wollte euch nur aufschreiben, wie es läuft.

Gibt es auch Schwierigkeiten?


Hammerharte Eigenverantwortung


Wenn ihr jetzt denkt, das klingt paradiesisch und zu schön, um wahr zu sein, dann wartet noch kurz ab. Denn ein Spaziergang ist eine freie Schule für Kinder nun auch nicht. Eigentlich finde ich die Anforderungen für Erstklässler hammerhart. Doch schauen wir uns zuerst einmal an, wie das in einer normalen ersten Klasse so läuft: Die Kinder kommen morgens an und ziehen ihre Jacken aus und setzen sich an ihren Tisch. Ab diesem Zeitpunkt müssen sie quasi über nicht mehr nachdenken, denn ihnen wird immer gesagt, was sie zu tun und zu lassen haben. Haben sie Deutsch, packen sie ihre Deutschsachen aus und schreiben Buchstaben oder lesen. Nach der ersten Stunde ist Frühstückspause, alle sollen ihr Frühstück rausnehmen und ruhig essen. Manche Lehrerin erlaubt ihnen, nach dem Essen noch schnell eine Runde über den Hof zu flitzen, dann fängt aber schon die zweite Stunde an: Mathe. Also holen sie ihre Mathesachen raus und hören gut zu. Nach der zweiten Stunde ist die erste Hofpause. Die Lehrerin sagt ihnen, sie sollen ihre Jacken anziehen, weil es schon ziemlich frisch draußen ist. Entscheiden, ob sie ihre Jacke im Klassenzimmer lassen, dürfen die Kinder normalerweise nicht. Und so geht es den ganzen Tag weiter: Immer entscheiden die Erwachsenen für die Kinder. Ich glaube, dass das für ein sechsjähriges Kind noch sehr angenehm ist. Nicht entscheiden zu müssen, was es machen soll, sondern das gesagt zu bekommen, macht das Leben wunderbar entspannt. Eine Struktur vorgelegt zu bekommen, an der man sich entlanghangeln kann, ist toll.

In der Freien Schule gibt es das fast nicht. Es gibt natürlich die Struktur des Tages, die ja im Morgenkreis erzählt wird, aber ansonsten wird dem Kind keinerlei Entscheidungen abgenommen. Es muss selbst entscheiden, was es machen möchte. Mit wem es zusammen sein will, was es lernen will, ob es überhaupt lernen will. Es muss sich trauen, eine Lehrer anzusprechen, wenn es etwas Spezielles wissen oder haben will. Es muss selbst darauf achten, sich gut anzuziehen, wenn es auf den Hof geht. Es muss auch selbst entscheiden, ob es zum Mittagessen geht oder wann es frühstückt, oder wieviel Wasser es trinkt. Es muss entscheiden, ob es den Lesen- und Schreiben-Kurs abbricht, oder ob es weiter dran bleibt, obwohl es anstrengend ist. Niemand redet dem Kind da rein.  Das ist mega anstrengend! Ich weiß, dass Fräulein Chaos das am Anfang ziemlich überfordernd fand. Ganz sicher hätte sie es schöner, einfacher gefunden, wenn ihr jemand gesagt hätte, was sie zu tun hat.

Schon in ihrer Montessori-Kita bei der Freiarbeit konnte sie sich eigentlich nie entscheiden, was sie machen wollte. Sie hoffte immer darauf, dass die Erzieherin ihr eine Arbeit vorschlagen würde und machte dann das. Insofern war dieses erste Schuljahr voller Entscheidungen eine riesengroße Anstrengung für Fräulein Chaos, mit der sie auch oft haderte. Warum es jedoch so wichtig ist, den Kindern diese Arbeit gerade nicht abzunehmen, erzähle ich weiter unten unter der Überschrift "Verantwortung".

Aus Langeweile entsteht Kreativität. Hochzeitstorte aus Knete
von Fräulein Chaos

Langeweile überwinden


Eng damit verbunden, für sich selbst entscheiden zu müssen, ist die Langeweile. Im ersten Schuljahr langweilten sich meine beiden Töchter viel. Wenn sie sich gegen Unterricht und Projekte entschieden hatten, konnte es nämlich vorkommen, dass sie keinen Spielpartner fanden, weil alle anderen mit selbstgewählter Arbeit beschäftigt waren. Sich dann selbst aufzuraffen, um die Langweile zu überwinden, war eine Hürde für meine Kinder. Manchmal schliefen sie vor lauter Nichtstun in der Kuschelecke ein. Manchmal riefen sie mich an, ich solle sie früher abholen. Manchmal fanden sie heraus aus ihrer Lethargie und fingen an, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen.

Unterschiedliche Regeln in Schule und Gesellschaft


In unserer Schule dürfen die Kinder selbstverständlich über Tische laufen. Oft rücken die Kinder die Tische zu einer Art Labyrinth zusammen und spielen dort oben dann Fange. Auf Socken. Nein, es ist noch nie was passiert. Ja, ich kriege die Krise, wenn ich das sehe. Auf Socken! Das ist doch rutschig, verdammt. Wie auch immer, was ich eigentlich schreiben wollte: Aus der Schule sind Fräulein Chaos und Fräulein Ordnung gewohnt, dass sie über Tische laufen dürfen. Oder auch über Bänke. Oder dass sie sich irgendwo mitten in den Weg setzen können, um zu frühstücken. Nur ist das in der U-Bahn jetzt nicht so prickelnd. Und ich will auch nicht, dass sie an Haltestangen turnen oder über Parkbänke hüpfen.

Auch die Lehrerinnen und Lehrer an der Freien Schule sind lockerer, als "normale" Erwachsene. Nicht nur, dass sie mit Vornamen angesprochen werden, die Kinder können auch ohne Scheu mit ihnen spielen oder lustig sein. Eine Wasserbombenschlacht an einem heißen Sommertag machen die Lehrer_innen mit Freude mit. Der Mathelehrer bekam ein Pupskissen zum Weihnachtswichteln und ließ keine Gelegenheit aus, dieses Kollegen und Schülerinnen und Schüler unterzuschieben. Eine Weile konnte man sich an der Schule nicht hinsetzen, ohne zu pupsen! Aber nicht alle Erwachsene außerhalb der Schule finden es cool, in ein Kinderspiel eingebunden zu werden - das wissen meine Kinder aber (noch) nicht, weil ihr Erleben ein anderes ist. Sie kennen bisher nur entspannte Erwachsene, da auch meine erwachsenen Freunde immer zu einem Scherz aufgelegt sind. Selbst Oma und Opa machen laut lachend eine Wasserschlacht im Garten mit. Möglicherweise findet es aber der Nachbar nicht so super, mit "Du bist!" am teuren Businessanzug angetatscht zu werden, wenn die Kinder unten im Hof  Fange spielen. Und das verstehe ich gut! Insofern hat die Freiheit an der Schule dazu geführt, dass ich ein paar Grundsatzdiskussionen über Erwartungshaltungen der Gesellschaft und Erwachsener mit meinen Töchtern führen musste - etwas, was wohl eher nicht vorgekommen wäre, gingen sie an eine normale Grundschule.

Unordnung


kreatives Chaos auf dem Schulflur
Am Ende jedes Schultages müssen alle Schülerinnen und Schüler an der Freien Schule aufräumen, aber insgesamt ist es seeehr viel unordentlicher, als in anderen Schulen. Die Kinder können ihre Sachen einfach den ganzen Tag lang herumliegen lassen, was dazu führt, dass z.B. im Schulflur Chaos herrscht. Jacken, Schulbrotbüchsen, manchmal auch angebissene Stullen, Schuhe, Kuscheltiere, Wasserflaschen u.ä. liegen kunterbunt herum. Das fände ich nicht so dramatisch, wenn sich diese Unordnung nicht auch bis nach Hause ziehen würde. Bei uns liegen, wenn wir Erwachsenen nicht andauernd nörgeln, überall Materialien und Klamotten rum. Fräulein Chaos z.B. stellt momentan gerne Schleim aus diversen seltsamen Zutaten her und für die Dauer ihrer Experimente steht das alles bei uns im Bad auf dem Fensterbrett herum und tropft und schleimt so vor sich hin. Fräulein Ordnung baut ganze Landschaften mit Lego auf, die mir aber den Weg ins Kinderzimmer komplett versperren. In der Regelschule fordere ich meine Schülerinnen und Schüler auf, Papierschnipsel u.ä. vom Boden aufzuheben. Höchstens die persönlichen Fächer der Kinder sind etwas durcheinander. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich denke, dass das dazu beiträgt, dass meine Schüler zuhause auch mehr aufräumen. In den Wohnungen unserer Freunde finde ich es jedenfalls immer viel weniger chaotisch, als bei uns. Kommt uns bitte nicht besuchen.

Klassische Kinderliteratur passt nicht


Meine Kinder können sich nicht mit klassischer Kinderliteratur identifizieren, die in einer Schule spielt. Das ist jetzt nur eine Kleinigkeit, aber es ist mir doch aufgefallen. In fast allen dieser Bücher geht es darum, dass die Schule doof und langweilig und die meisten Lehrer/innen gemein sind. Es gibt dann immer eine Ausnahmelehrerin, die vielleicht sogar zaubern kann, aber insgesamt ist die Schule in den Büchern ein Ort, an dem die Kinder eigentlich nicht sein wollen. Oft werden die Mädchen von den Jungs geärgert (oder anders herum). Sehr oft kommt verletzende Sprache vor, also einer sagt zum anderen, er sei doof, oder hässlich etc. Ich will nicht sagen, dass es an unserer Schule keine Konflikte gibt, aber insgesamt ist das Leben doch irgendwie signifikant anders, als in den Büchern dargestellt. Deshalb können meine Kinder damit eher wenig anfangen - sie lesen sie nicht gern, weil sie nicht ihren Alltag abbilden.

Geringere Auswahl an Freunden


In unserer Freien Schule werden jedes Jahr nur 12 Kinder eingeschult: 6 Jungen und 6 Mädchen. Damit ist der Pool an möglichen Freundinnen und Freunden natürlich begrenzter, als an klassischen Schulen. Die Chance, unter den anderen elf eine beste Freundin oder einen besten Freund zu finden, ist einfach kleiner. Ausgeglichen wird dieser Punkt vielleicht dadurch, dass, wie ich oben schon schrieb, die Klassen sehr offen sind, und sich die Kindergruppen eher nach Leistungsstand oder Interessen zusammenfinden, so dass also durchaus auch eine Freundschaft mit einem Zweit- Dritt- oder Sechstklässler entstehen kann.

Langer Schulweg


Freie Schulen gibt es leider nicht wie Sand am Meer, d. h. unter Umständen kann es sein, dass man mit seinem Kind einen langen Schulweg hat. Wir fahren jetzt seit zwei Jahren sechzig Minuten hin und sechzig Minuten zurück (mit den Öffentlichen, da wir kein Auto besitzen). Ich muss sagen, ich habe das kolossal unterschätzt. Ein langer Fahrweg macht auf Dauer wirklich mürbe. Klar, wir nutzen die Zeit zum Vorlesen (Protipp: Mit einem dicken Harry-Potter-Wälzer in der Hand machen die Menschen selbst in überfüllten S-Bahnen einen Sitzplatz frei für Eltern und Kinder. Mit dem Nintendo in der Hand eigentlich nie...), aber es ist und bleibt eine starke Belastung.

Ist freie Schule etwas für alle Kinder?


Diese Frage wird mir oft gestellt und ich habe lange darüber nachgedacht. Ich nehme als Referenzgruppe mal eine meiner ersten Klasse an meiner eigenen Grundschule. In der Klasse sind 20 Kinder - etwa acht davon empfinden es äußerst schwierig, im Unterricht leise zu sein, sitzen zu bleiben, das zu machen, was die Lehrerin sagt oder bei Aufgaben durchzuhalten. Sie würden viel lieber noch spielen und malen. Ein Junge, der eigentlich recht gut mitkommt, aber an sich sehr verspielt ist, hat immer Lego dabei, mit dem er in der Pause zugange ist. Ein anderer Junge muss ständig ermahnt werden, nicht im Unterricht aufzustehen. Er fängt die Aufgaben immer motiviert und gut an, kann dann aber nach etwa einer halben Stunde nicht mehr. Ab da macht er die Aufgaben nur noch "wuschi-wuschi" und bekommt deshalb viel negative Rückmeldung, obwohl er die Aufgaben am Anfang eigentlich immer richtig bearbeitet. Er wird mittlerweile auf ADHS getestet. Ein Mädchen hätten wir nach ein paar Wochen Schule gern zurück in den Kindergarten geschickt, weil es noch viel zu klein und unkonzentriert war, doch die Eltern wollten nichts davon wissen. Deshalb bekommt das Mädchen nun jede Stunde eine Rückmeldung, wie leise und konzentriert es war (durch grüne/gelbe/rote Punkte), d.h. es wird mithilfe eines Belohnungssystems in ein Verhalten gepresst, das es entwicklungstechnisch noch gar nicht so zeigen kann. Einer der Jungen wird zuhause sehr gefördert und ermahnt, im Unterricht gut zuzuhören. Er ist super lieb und leise im Unterricht . Störungen sind von ihm nicht zu erwarten. Er ist der ideale Schüler. Außerdem ist er bei den Mitschülern beliebt.

Was würden diese Kinder dieser Klasse an einer freien Schule tun? Die 12 Kinder, die an meiner Schule keine Probleme haben, sich anzupassen und zu lernen, hätten auch an der freien Schule keine Schwierigkeiten. Sie sind wie meine Töchter. Vermutlich würden sie viel spielen, möglicherweise würden sie ab und zu Kurse abbrechen, aber insgesamt würden sie ein normales Lernniveau zeigen. Der Junge, der zuhause viel gefördert wird, würde sich vermutlich an unserer Schule mehr Angebot wünschen, da es ja nur eine Stunde "richtigen" Unterricht pro Tag gibt. Das wäre möglich - er könnte sowohl am Vormittag, als auch am Nachmittag die gesamte Freiarbeit nutzen, sich einen Lehrer schnappen und so im Einzelunterricht mehr lernen können.

Türrahmen hochklettern: in der freien Schule gern gesehen
Und was ist mit den "Problemschülern?" Ich glaube tatsächlich, die wären keine Problemschüler. Denn sie könnten ja jederzeit spielen, sich bewegen und nur so lange lernen, wie es ihre Konzentration zulässt. Mein Schüler, der nach einer halben Stunde nicht mehr kann und dann alle Aufgaben falsch macht, könnte an der Freien Schule nach individueller Absprache mit den Lehrern nach dieser halben Stunde den Unterricht verlassen und spielen gehen, und damit immer positive Rückmeldung für seine Arbeit bekommen. Nach und nach - wenn er älter wird - würde sich seine Aufmerksamkeitsspanne automatisch verlängern, so dass er länger im Unterricht dabei sein könnte. Das Mädchen, das entwicklungstechnisch besser noch in den Kindergarten gehen sollte, könnte an der Freien Schule völlig entspannt spielen. Wenn es Lust hätte, könnte es am Unterricht teilnehmen. Es dürfte aufstehen oder auf dem Tisch sitzen oder auf dem Fußboden liegen und dort schreiben - was immer ihm guttun würde. Wir haben viele dieser "Problemkinder" an der Freien Schule - sie kommen meist als Quereinsteiger, wenn sie an normalen Grundschulen scheitern. Bei uns an der Schule wird ihnen des Etikett der Verhaltensauffälligkeit abgenommen. Sie sind, wie sie sind. Die meisten von ihnen gehen erst einmal ein halbes, manche sogar ein ganzes Jahr nur spielen. Sie haben "genug" vom Lernen. Doch nach und nach siegt ihre Neugier und ihr Entwicklungswunsch. Bisher sind alle Kinder zum Lernen zurückgekehrt. Freiwillig.

Fazit ist also, dass ich denke, dass unsere Freie Schule für alle Kinder geeignet ist, auch "schwierigen" oder solchen, deren Eltern nicht daran interessiert sind, was ihre Kinder machen. Denn sie brauchen ja nicht zuhause lernen - es gibt keine Hausaufgaben. Wenn die Eltern sie zuhause nicht unterstützen, macht das nichts, denn die Lehrer an der Schule wecken ihren Forschergeist, lassen sich auf ihre Interessen ein und geben ihnen Hilfestellungen, Neues zu lernen. Einzig und allein Kinder, die hochsensibel sind und mit Lautstärke und Chaos nicht gut klar kommen, könnten ein Problem an unserer Freien Schule haben. Denn laut und chaotisch ist es - bis auf im Unterricht - eigentlich immer.

Achtung: Ich spreche hier aber nur von unserer Freien Schule. Es gibt andere Freie Schulen mit anderen Konzepten und bspw. freiem Zugang zu PC und Internet. Oder solche, die nur dann Kurse anbieten, wenn ein Kind genügend andere Kinder davon überzeugen konnte, mit ihm das Gleiche lernen zu wollen. Bei diesen Konzepten bin ich mir nicht sicher, ob sie wirklich für alle Kinder geeignet sind. Aber da ich nicht an deren Tagesablauf teilnehme und auch nicht sehe, wie viele Schülerinnen und Schüler an diesen Schulen die normalen Abschlüsse schaffen, kann ich darüber nicht wirklich urteilen.

Wie ergeht es den Eltern?


Eigene Sozialisation überwinden


Dass ich anfänglich meine eigene schulische Sozialisation und meine Ängste bearbeiten musste, hatte ich ja schon weiter oben beschrieben. Ich denke, es ist jedem klar, dass es für Eltern ein großer Schritt ist, ihren Kindern so zu vertrauen, dass sie ihnen die Freiheit, das zu lernen, was sie wollen, lassen. Es ist ein Prozess, dem man sich stellen muss. Die wenigsten Eltern sind von Anfang an super entspannt, wenn ihre Kinder an die Freie Schule kommen. Alle wollen unbedingt freies Lernen für ihre Kinder, aber wie gesagt, wenn es die ersten scheinbaren Schwierigkeiten gibt, kommen alte Ängste und Muster hoch, die es zu überwinden gilt. Ansonsten steht man nämlich seinen eigenen Kindern im Weg, und das freie Lernen kommt ins Stocken. Denn was wirklich blöd ist, ist, wenn die Kinder in einen Loyalitätskonflikt geraten. Wenn also die Lehrerinnen und Lehrer ihnen sagen, sie können allein entscheiden, was sie lernen wollen, aber zuhause Mama und Papa darauf drängen, dass das Kind doch Lesen übt, obwohl es das eigentlich nicht will. Oder Oma und Opa andauernd sticheln, dass es ja noch ein Baby sei, weil es noch gar nicht lesen könne. Dann kann dieser Loyalitätskonflikt das Kind so aus der Bahn werfen, dass es tatsächlich nicht gut weiterlernen kann. Diese Stolperfalle muss einem bewusst sein, wenn man überlegt, sein Kind an die Freie Schule zu geben.

Glaubt nicht, dass es leicht ist, seine eigene Sozialisation im Hinblick auf´s Lernen zu ändern. Als Fräulein Chaos in der ersten Klasse war, zeigte sie mir einmal freudestrahlend einen Zettel aus dem Matheunterricht. Darauf hatte sie etliche Aufgaben gerechnet. Irgendwie war sie aber in einer Zeile verrutscht, so dass sie zwar alle Aufgaben, die sie gerechnet hatte, richtig gerechnet hatte, doch sie hatte halt die falschen Zahlenpaare dafür genommen. In meiner Welt war es damit "falsch". Ich dachte, ich müsste sie dazu anleiten, genauer hinzuschauen und sorgfältiger zu überprüfen, weil ich wusste, dass das meine Schülerinnen und Schüler auch nicht machen und dann schlechte Noten für diese Schludrigkeit bekommen. Vorsichtig sagte ich: "Ja, du hast alles richtig gerechnet, aber schau, hier bist du verrutscht und eigentlich hättest du das hier rechnen müssen." Ich fand mich total diplomatisch, aber die gerade noch glücklichen Gesichtszüge meiner Tochter entgleisten. Sofort sah ich, dass ich ihr mit meinem doofen Kommentar die Freude an ihrer Arbeit genommen hatte. Weil ich dachte, ich müsste ihr zeigen, wie es "richtig" gedacht war. Aber... das war nicht der Zweck dieser Mathestunde gewesen. Der Zweck war, dass sie übt, Aufgaben zu rechnen und Freude dabei empfindet. Hatte sie auch! Sie hatte ja sogar richtig gerechnet! Es war völlig schnuppe, dass das andere Aufgaben waren, als vom Lehrer gedacht. Die Hauptsache war doch, dass sie rechnen geübt hatte. Und deshalb hatte ihr der Lehrer auch eine positive Rückmeldung gegeben. Anders als ich wusste er nämlich, dass "genaues Hinschauen" später von allein kommt, wenn man nicht gut gemeint den Enthusiasmus des Kindes staucht. Dieser Vorfall - und der Gesichtsausdruck meiner Tochter - war mir eine Lehre. Ich bin weiterhin an dem interessiert, was sie mir aus der Schule zeigen will, aber ich versuche nicht mehr, mich gut meinend einzumischen.

Loslassen


Eng zusammenhängend mit dem Vertrauen in Sachen Lernen ist auch das Loslassen der eigenen Kinder im Hinblick auf Sicherheit und Gesundheit. In unserer Freien Schule entscheiden die Kinder selbstverständlich selbst, ob sie Schuhe oder Jacke für das Spielen draußen auf dem Schulhof nutzen. Spoiler: Es laufen alle in Socken draußen rum. Auch, ob sie das Mittagessen essen wollen, oder nicht, oder wieviel sie am Tag trinken, ist ihnen überlassen. Das mag für euch ganz natürlich sein, aber ich kenne viele Eltern, die es gern hätten, dass die Lehrer ihr Kind zum Trinken oder zum Toilettengang animieren. Wenn das gesundheitliche Gründe hat, kann man das sicher auch an einer Freien Schule anmerken, aber ansonsten fällt das Ganze hier unter die Eigenverantwortung der Kinder.

Auch das Spielen auf dem Hof wird fast nie eingeschränkt. Die Kinder klettern selbstverständlich auf die höchsten Bäume. Im Winter beobachtete ich einmal einen Jungen, der ein Springseil durch einen Ziegelstein schob und dann diesen Stein am Seil immer wieder auf eine zugefrorene Pfütze schleuderte. Ich war gleichzeitig fasziniert und besorgt. Fasziniert, weil ich das als Kind selbst so gemacht hatte und ich mich erinnerte, wie toll es war, mit roher Gewalt das Eis zu brechen. Besorgt, weil ich diese Szene mit Erwachsenenaugen sah und feststellte, dass doch ziemlich viel Verletzungsgefahr bestand. Er verletzte sich natürlich nicht. Ebenso wenig, wie ich mich als Kind dabei verletzt hatte. Aber trotz alledem ist es für mich immer wieder schwer, meinen Kindern die gleiche Freiheit zu lassen, die ich als Kind so genossen habe.

Freie Schule auch für Eltern


Kommt das eigene Kind in eine normale Grundschule, bekommt man meist ein halbes Jahr vorher eine Einladung zur ersten Elternversammlung, bei der man die Klassenlehrerin kennenlernt, die Einschulung bespricht und eine Liste mit Schulsachen bekommt, die man besorgen soll. Bei der Freien Schule war zwar klar, wann und wo die Einschulung stattfinden würde, aber viel mehr Informationen kamen erst einmal nicht. Dass wir keine Materialien kaufen mussten und keinen Schulranzen wussten wir zwar auch. Aber brauchten wir Sportzeug? Wie viele Gäste durften wir zur Einschulung mitbringen? Solche Fragen blieben unbeantwortet, es sei denn, ich machte mir die Mühe, die Freie Schule anzumailen. Dann kam sofort eine sehr freundliche Antwort.

Auch bei Schuljahresbeginn flossen die Informationen nur spärlich. Uns wurden zwar bei der Einschulung die Namen aller Lehrer genannt, doch natürlich vergaßen wir sie sofort wieder. Und dabei blieb es. Etliche Wochen lang kannte ich nur einen einzigen Lehrer beim Namen. Ich fragte Eltern, deren Kind schon in die zweite Klasse ging - auch die wussten nicht alle Namen. Mich ärgerte diese Laissez-Faire Einstellung. Ich konnte es nicht leiden, dass ich mich ständig überwinden musste, Informationen selbst einzusammeln. Ich hätte es gern gehabt, dass die Schule mir das abnimmt, und auf mich zukommt. Ich war seeeehr irritiert. Und dann fiel bei mir der Groschen. Das ist freies Lernen! Niemand nimmt dir die Verantwortung dafür ab, dir das zu besorgen, was du brauchst. Auch uns Eltern nicht! Die nette Vorbereitung der normalen Grundschulen, die Elternabende, die Listen, die genauen Vorgaben für die Einschulung, sind im Grunde genommen eine (gut gemeinte) Entmündigung, die wunderbar bequem ist, weil sie einem quasi auf dem Silbertablett gereicht wird. In der Freien Schule aber musst du deinen Arsch hochbekommen als Elternteil, wenn du Fragen hast oder willst, dass etwas Bestimmtes passiert. Schnell freundete ich mich mit anderen Eltern an (etwas, was ich normalerweise nicht so gern mache. Grüße an alle, die jemals in Krabbelkursen mit mir waren...), wir tauschten Informationen aus und lernten, uns zu informieren. Denn wenn man weiß, wo, ist es total einfach. Es gibt sowohl ein Schul-Wiki, in dem alles steht, als auch monatliche Elternbriefe, in denen alle wichtigen Termine und Vorkommnisse aufgelistet werden. Dazu kommen die Gespräche mit dem Vertrauenslehrer des eigenen Kindes pro Halbjahr und natürlich die klassischen Elternabende, in denen die Lehrer/innen dann auch erzählen, warum sie z. B. die Silbenmethode und nicht das Schreiben nach Gehör bevorzugen.

Elternarbeit


An unserer Freien Schule wird die Mitarbeit der Eltern sehr gefordert. Man muss eine bestimmte Elternstundenzahl pro Halbjahr und pro Elternteil absolvieren. Das geht z. B. mit Putzen am Wochenende oder durch das Führen eines Projektes. Viele Eltern haben Berufe, die interessante Aspekte enthalten. Ich konnte ein Projekt über Blindenschrift abhalten. Andere können kochen, und leiten einen Kochkurs, oder sind Biologen und zeigen den Kindern etwas über Tiere und Pflanzen. Manche Eltern sind Schauspieler, und halten einen Schauspielkurs, andere bieten Selbstverteidigung oder Aikido an. Es gibt Eltern, die in die Schule gefahren kommen und alle Köpfe nach Läusen absuchen, wenn es mal wieder Läusealarm gibt. Andere haben sich für die Partygruppe eingeschrieben und richten alle Feste der Schule aus. Jeder macht das, was er am besten kann und mag. Aber mitarbeiten müssen alle.

Schließtage


An unserer Freien Schule gibt es mehr Schließtage, als ich das aus meiner Regelgrundschule gewohnt bin. Meist sind das Tage, an denen sich unsere Lehrer weiterbilden. Man braucht also als Eltern ein gutes soziales Netz, um diese Schließtage überbrücken zu können, wenn man selbst arbeiten geht. Wir haben die besten Großeltern der Welt in der Stadt und eine wunderbare Babysitterin, so dass es bisher bei uns nicht zu Vereinbarkeitsproblemen kam, aber ich weiß, dass andere Familien da nicht so viel Glück haben. Da es aber eine große Solidarität unter den Eltern der Schule gibt, greifen wir allen unter die Arme, die es nicht schaffen, die Schließtage abzudecken.

Gibt es Ferienbetreuung?


nach der Langeweile kam der Wunsch, Programmieren zu lernen
Ja, es gibt Ferienbetreuung, so, wie an normalen Grundschulen auch. Die Lehrerinnen und Lehrer werden oft unterstützt von Eltern (Elternarbeit) und gehen dann mit den Kindern ins Museum, Bowling, ins Kino oder zum Klettern etc.. Meine Kinder mögen aber die Ferienbetreuung nicht sonderlich, sondern bleiben lieber zuhause, wenn sie können. Das war aber auch zu Kita-Zeiten schon so. Wenn es nach meinen Kindern ginge, würden sie keinerlei Institutionen besuchen, sondern ihren Tag ganz frei verbringen. Dass sie dabei auch lernen würden, sehe ich regelmäßig in den Ferien: Zuerst chillen sie, dann gibt es schlechte Laune wegen Langeweile, dann gibt es meist Streit und DANN fangen sie an, sich Projekte zu suchen und diese sind meist mega cool.

Gibt es Hausaufgaben?


Nein, es gibt keine Hausaufgaben. Zumindest keine, die zwingend gemacht werden müssen. Für den Deutschkurs hatten wir mal eine CD-Rom nach Hause mitbekommen, mit der die Kinder auf dem PC eine Zusatzübungen hätten machen können. Fräulein Chaos und Fräulein Ordnung haben diese CD-Rom vielleicht 3 Mal benutzt, dann war der Zauber verflogen. Machte aber nichts, denn diese Hausaufgaben waren freiwillig.

Gibt es Zensuren?


An unserer Freien Schule gibt es bis zur 9. Klasse keinerlei Noten. Zum Jahresende bekommen alle einen persönlichen Brief ihres Vertrauenslehrers, in welchem steht, welche Kurse sie in diesem Schuljahr besucht


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Mein Kind geht in eine freie demokratische Schule - Lernen in Alternativschulen

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