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Hool / von Philipp Winkler

(überarbeitete Fassung vom 15.11.16)

Ich habe den Roman „Hool“ von Philipp Winkler gelesen. Mir fehlen jedoch irgendwie die Bewertungskriterien für ein solches Werk, welches sich in den Kanon der von mir gelesenen Bücher schlecht einordnen lässt. Auf der einen Seite bin ich davon fasziniert – ein Roman, welcher bestimmt nicht so leicht in Vergessenheit gerät, weil er die Hooligan-Szene beschreibt, die uns normalerweise hermetisch verschlossen bleibt. Er hat es zu recht auf die Shortlist zum deutschen Buchpreis 2016 geschafft. Auf der anderen Seite ist es natürlich keine schöne Lektüre, die ich anderen Menschen gerne empfehlen würde. Ich denke da an meine Bücherei, in der vor allem nach Lesegenuss gesucht wird.

Während des Lesens habe ich oft Parallelen zum „Fänger im Roggen“ gesehen. Auch hier ein „angry joung man“, dem man fassungslos in eine eigene Welt folgt. Wer so wie ich vollkommen unbeleckt von Fußballbegeisterung und Gewalt ist, kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.
Hat Philipp Winkler das eigentlich alles selbst erlebt? Hat er einfach nur gut recherchiert? Das geht eigentlich nicht, denn diese Szene lässt Blicke von Außenstehenden nicht zu. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, da beschreibt einer sich selbst, sein Leben. Dann wiederum wundert man sich, wie jemand aus einem solch dumpfen, bildungsfernen Milieu einen solch eloquenten Roman hinbekommt. Schon zwischendurch wird allerdings klar, dass hier jemand nicht nur Fluchen kann, sondern auch poetisch mit Sprache umgeht. Vor allem gegen Ende des Buches wird die Sprache immer gepflegter. Da kommt dann doch der gebildete junge Mann aus dem Literaturseminar durch. (Siehe auch die untenstehenden Links zu den Interviews mit P. Winkler)
Überhaupt nimmt das Buch eine Wende.
Nachdem es am Anfang immer nur ums Hauen und Stechen und das abschließende Besäufnis geht, erfahren wir ab der Mitte in Rückblicken vom Familienleben der Hauptfigur, von den Enttäuschungen, der Suche nach Geborgenheit, dem hohen Wert der Freundschaft. Beeindruckend beschrieben, wie die Freunde langsam erwachsen werden und sich der Szene entziehen (durch Druck der Ehefrau, durch den neuen Job als verantwortungsbewusster Jugendtrainer, durch das Erlebnis einer schweren Verletzung). Nur Heiko, unsere Held, will es nicht wahrhaben, dass die Zeit zum Aufhören gekommen ist, dass er am Ende alleine kämpft.
Ich habe mich allerdings die ganze Zeit gefragt, woher nimmt der Junge das Geld für die Fahrten, die Fußballkarten, das viele Bier. Da bleibt einiges offen.
Doch, warum tun die das überhaupt?
Warum gibt es Menschen, vorzugsweise Männer, die sich anlässlich von Fußballspielen, abseits davon treffen, um sich gegenseitig die „Fresse einzuschlagen“.
Philipp Winkler hat dazu einen erhellenden Gastbeitrag in der FAZ geschrieben, der es wert ist, in Gänze gelesen zu werden:

 „Verstehste eh nich, wenn de nich dabei bist.“ Und so bleiben wir zurück – draußen –, stellen uns selbst die Fragen und versuchen, sie zu beantworten. Zusammenhalt unter Gleichgesinnten. Kameradschaft. Vielleicht nicht ganz unähnlich der in einem Sportverein oder der freiwilligen Feuerwehr. Abwechslung vom drögen, eintönigen Alltag aus Vierzigstundenwoche, Dreischichtarbeit, Familie, Fernsehen und Neubausiedlung. Kämpfen als Ventil. Aggressionsausguss. Warum nicht in den Kickbox-Club in der nächsten Großstadt eintreten? „Da bin ich schon drin.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/nach-em-krawallen-einblick-in-die-hooligans-szene-14306789.html

Ich versuche grundsätzlich in meinen Blogbeiträgen zuerst meinen eigenen Eindruck und meine Bewertung niederzuschreiben, bevor ich mich unter den Rezensionen der anderen umschaue. In diesem Fall habe ich es auch so gemacht. Wegen meiner Hilflosigkeit gegenüber dem Thema, möchte ich aber hier schon ein paar Links anfügen.

Hier gibt es ein Interview mit Philipp Winkler, in dem einige meiner obigen Fragen von ihm selbst beantwortet werden.

Philipp Winkler im O-Ton im WDR 5

eine gelungene Analyse von Michael Pilz in der Welt

„Philipp Winkler hat das vielleicht größte deutsche Märchenbuch geschrieben, das sich heute schreiben lässt. Wäre er Heiko Kolbe, würde er jedem, der sein Buch liest, das Gläschen mit dem Grauburgunder aus den Fingern hauen und die Nase brechen.“

Hool : Roman / Philipp Winkler. – Aufbau-Verl., 2016. –  ISBN 978-3-351-03645-4 ; 19,95 €


Einsortiert unter:Buchpreis, Buchtipp


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