Get Even More Visitors To Your Blog, Upgrade To A Business Listing >>

Gedanken aus München

Nachdem ich heute wenigstens mit etwas Abstand auf die gestrige Nacht zurückblicken kann, würde ich gerne meine Gefühle beschreiben. Wahrscheinlich ist es noch viel zu früh dafür. Aber ich halte es dennoch für festhaltenswert wie unser gestriger Abend verlief. Für mich war gestern der erste Abend in meinem Leben als Erwachsener, an dem ich richtig Angst hatte. Unsere Bewerbungen für Münchner Studienplätze haben wir vom Dach eines Hostels in Perus Haupstadt Lima Peru geschrieben. Fast ein volles Jahr sind wir nur mit einem Rucksack um die Welt gezogen. Die Fukushima Katastrophe haben wir in einem Cafe in Thailand miterlebt - mit einem Flugticket von Bangkok über Tokio nach Bogotá in der Hand. Stunden bevor unser Flieger ging, wurde die deutsche Botschaft in Japans Hauptstadt bis auf eine Notbesetzung evakuiert. Mit einer alten, wackligen Propellermaschine und ohne jegliche Sicherheitschecks flog uns die bolivianischen Luftwaffe von La Paz in den Regenwald nach Rurrenabaque. Bei all diesen Dingen hatte ich selbstverständlich Angst. Noch nie aber war sie aber so greifbar, so präsent wie gestern Nacht.

Eingeholt vom Wahnsinn

Wie jeden Freitag Abend brachte ich die tollste Frau Der Welt zum Rückbildungskurs. Auf dem Rückweg ging ich mit unserem Töchterchen durch den Weißenseepark zurück zu unserer Wohnung. Etwas seltsam fand ich es schon, dass ich beim Heimlaufen vor Stadelheim einige Blaulichter sah. Aber gut, wir haben schon einmal einen Großeinsatz dort miterlebt. Wenn in so einem großen Gefängnis mal ein Rauchmelder losgeht, dann wird eben sofort ein Notfallprotokoll abgefahren. In der Regel stehen dann zwanzig Fahrzeuge vor den Mauern. Nach 10 Minuten wird dann ein Fehlalarm erkannt und der Spuk ist um. Immerhin schlief unser Baby auf dem Heimweg trotz der Sirenen und Blaulichter ein.

Ich schloss die Wohnung auf. Es dauerte keine Minute bis mein Handy summte und mich die erste Nachricht eines Freundes erreichte. Schießerei im OEZ. Alles okay bei euch?. Das OEZ liegt am anderen Ende der Stadt und der Süden Münchens fährt zum Einkaufen eher in die Riem Arcaden oder ins PEP. Ich habe unser Töchterchen also in der Tragetasche schlafen lassen und erst einmal die Lage sondiert. Phoenix bracht ein Laufband unter dem regulären Programm und die Süddeutsche veröffentlichte die ersten, spärlichen Fakten. So schlimm konnte es also nicht sein. Nach und nach gab es immer konkretere Informationen und plötzlich standen diese drei flüchtigen Täter und fünf Tote im Raum. Meldungen von Schießereien am Stachus, im Hans im Glück beim Isartor und dem Tollwood machten unter Münchnern die Runde. Katastrophenpläne liefen an und die Kliniken der Stadt riefen ihr gesamtes Personal zusammen, die MVG setzte zuerst die U-Bahnen, dann den gesamten Nahverkehr ein. Die Behörden ließen über Radio und den Katastrophenschutz mitteilen, dass alle Münchner in ihren Wohnungen bleiben und die Öffentlichkeit meiden sollten. Gleichzeitig rasten Kolonnen von Polizeiwägen über den mittleren Ring. Im Minutentakt ertönten Sirenen und Hubschrauber flogen über unsere Köpfe in Richtung Isar. Die über München anbrechende Nacht war voller blauem Licht und Lärm.

Und ich stand zu Hause - mit einem schlafenden Baby und ohne dessen Mutter. Ich rief als erstes unsere Familien an um klarzumachen, dass es uns gut ginge. Die Tollste Frau Der Welt klingelte kurze Zeit später auf unserem Festnetz durch und als ich abhob brach die Verbindung ab. Es brauchte fünf Versuche bis ich zu ihr durchkam - das Handynetz war am Rande der Leistungsfähigkeit. Ich wäre der tollsten Frau der Welt fast entgegen gelaufen, aber dann hätte ich unsere Tochter mitnehmen müssen. Da war sie, die ganz konkrete Angst um unser Kind. So verwarf ich den Gedanken und wartete bis endlich ihr Schlüssel im Schloss zu hören war. Der Rückbildungskurs wurde abgebrochen, weil schon die ersten Gerüchte über Sichtungen der Täter in Giesing verbreitet wurden. Bei der unklaren Lage konnte niemand wirklich sagen ob etwas an den Gerüchten dran war. Die Polizei suchte zu diesem Zeitpunkt ja schon über zwei Stunden ohne Erfolg nach den drei vermeintlichen Tätern. Facebooks Safe-Check zeigte eine lange Liste unserer Münchner Bekannten und die sozialen Medien glühten. Es gab widersprüchliche Informationen, laute Sirenen, SEK Einheiten in der Münchner Fußgängerzone. Kurzum: Das Öffentliche Leben der Stadt war zum Erliegen gekommen, die Lage war kaum zu überblicken.

Nachwirkungen

Die ARD lief natürlich, wie in nahezu jedem Münchner Haushalt gestern, auch bei uns stundenlang. Es ist ein vollständig anderes Gefühl, wenn irgendwo etwas passiert. Bei uns passierte es vor der Haustüre und die Hubschrauber und Polizeisirenen fegten bis spät in die Nacht über unsere kleine Wohnung hinweg. Wir waren meilenweit vom OEZ entfernt aber trotzdem auf eine sonderbare Art direkt betroffen. Plötzlich war es unsere Stadt in der das öffentliche Leben zusammenbrach. Gerade letzteres hat mir Angst eingeflößt. Geschichten von Freunden, die fast drei Stunden durch die Stadt liefen um nach Hause zu kommen - durch eine Stadt in der drei Menschen mit «Langwaffen» unterwegs sein sollten. Ich will mir nicht ausmalen was passieren würde, wenn wirklich ein Terrorakt mit mehreren Beteiligten hier stattgefunden hätte.

Es sind diese Momente, die mir eine solche Angst einjagen. Diese Momente in denen der Gedanke Oh, ich sollte das besser nicht machen in den Kopf kommt. Klar, es gab auch schon Bombenalarm im Hauptbahnhof und die Drohungen an Neujahr. Nie hatte ich diesen Dingen bisher besondere Beachtung geschenkt. Nach Paris, Brüssel und schließlich Nizza ist das anders. Ich bin sensibler. Aber noch nie war ich selbst so direkt von einer solchen Tat betroffen. Wie und ob diese Nacht München verändert wird sich zeigen. Ich werde lange an die bangen Minuten ohne die tollste Frau der Welt zurückdenken müssen. Anderen Münchnern geht es ähnlich. Welche Lehren ich daraus ziehe, wie ich das später unserer Tochter erklären soll und was ich ihr, in Anbetracht dieser Erfahrung, mitgeben möchte - all das weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass ich ganz sicher mit ihr über diesen Abend reden werde.

So schrecklich die Tat auch war, die Polizei und ganz besonders ihr Pressesprecher mit dem Social-Media-Team haben ein wenig Struktur in das Chaos einer Stadt im Ausnahmezustand gebracht. Das hat uns Halt gegeben. Genauso wie die Gewissheit, dass hier, direkt um die Ecke, so viele Menschen unter #opendoor getwittert haben. Allein unsere Straße bot Plätze für 10 Personen an. Ein älterer Herr in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, hat sich sogar wegen dieser Tat einen Twitter Account angelegt: Nur um Fremden sein Gästezimmer anzubieten. München mag manchmal anonym sein, aber unsere Stadt ist wohl auch unglaublich herzlich wenn es hart auf hart kommt.

Die Gedanken von uns Münchnern sind bei den Freunden und Familien der Getöteten. Alle in hier hoffen auf ein baldigen Genesen der Verletzten. Aber auch die Familie des Täters sollte nicht vergessen werden. Die SZ meldet, die Eltern des Täters seinen noch immer nicht vernehmungsfähig. Ich kann nur versuchen zu erahnen was all diese Betroffenen durchmachen. Nach einer solchen Nacht bleiben nur Tränen und Fragen. Wir werden das OEZ bald besuchen um mit unserer Tochter Blumen niederzulegen.



This post first appeared on Stadtpapa, please read the originial post: here

Share the post

Gedanken aus München

×

Subscribe to Stadtpapa

Get updates delivered right to your inbox!

Thank you for your subscription

×